Und wie ist das Segeln im Pazifik?

Jetzt in Tahiti angekommen, haben wir im Pazifik 5200NM seit Februar 2019 zurückgelegt. Bis auf eine Front mit über 30 kn Wind, die uns für ein paar Stunden zwischen Marquesas und Tuamotus  unterhalten hat, waren die Winde überwiegend schwächer als im Atlantik.

Auf Cheglia sind wir froh, wenn es mindestens mit 15 Knoten windet. Mit unseren beiden großen Segeln (Gennaker 130qm, für 80-130‘ AWA, oder Parasailor 170 qm, für AWA 110-180’)  kommen wir auch noch bei 11, 12 Knoten voran. Aber dann ist eigentlich das Wellenbild und die Stömung entscheidender als der Wind. Wenn beides in unsere Fahrt-Richtung zeigt, geht auch bei 7-8 Knoten Wind noch etwas.

Der Satelliten Wetterbericht versprach meistens 11-15 Knoten Wind, also relativ schwachwindiger Süd-Ost-Passat. Gelegentlich traf die Vorhersage zu, meistens hatten wir einige Knoten mehr, manchmal weniger Wind. Die Richtung konnte sich auch schon mal um 90 Grad ändern. Dieser Ozean ist so groß, das möglicherweise die Computer Wettermodelle eine bessere regionale Auflösung nicht hinbekommen.

Die langen, hohen Ozeanwellen rollen meistens aus südlicher Richtung heran, und die (Wellen-)Überbleibsel von anderen Wettersystemen können aus ganz anderen Richtungen dazu kommen. Ja, wir haben häufig unterschiedliche Wellensysteme, die sich überlagern. Segeln mit wenig Wind wird dann immer schwieriger, die Segel schlagen, wir kommen nicht von der Stelle, es nervt. Dann lieber ganz windstill. An solchen Tagen ist der „Ocean Swell“ besonders beindruckend. Die Wellen sind ein paar Meter hoch, aber 200-300 Meter weit auseinander. Die Dinger haben etliche tausend Kilometer Anlauf, zwischen uns und der Antarktis gibt es noch ein paar Winzinseln – sonst einfach nichts. Majestätisch rollen sie unter unserem Boot durch, man fühlt sich sehr klein.

Die Prioritäten werden andere, weil die Strecken so lang sind. Es kommt eigentlich nicht (mehr 🙂 darauf an, ob man einen Tag früher oder später irgendwo  ankommt. Es ist wichtiger, das nichts kaputt geht. Und so segeln wir also meistens sehr gelassen mit 5-8 Knoten dahin. Auf hoher See haben wir in der ganzen Zeit einen chinesischen Fisch Trawler und eine holländische Yacht getroffen. Sonst gähnende Leere.

Die Atoll Seglerei in den Tuamotus hält dann noch ein paar Besonderheiten parat. Die Ein- und Ausfahrten in die Atolle unterliegen gewaltigen Gezeitenströmen. Der Tidenhub ist nicht besonders hoch, aber eine enorme Wassermasse will aus den Atollen bei Ebbe wieder hinaus. Slack Water ist etwa zur Halbzeit zwischen Hoch- oder Niedrigwasser, die Ebbe dauert immer länger als die Flut. An einigen Pässen läuft das Wasser immerzu nur hinaus, weil hohe Wellen für einen permanenten Zufluss sorgen. Es gibt einen „Slack water guestimator“ für die Tuamotus, der sich als recht zuverlässig herausstellt.  Es gibt einige „haarige“ Pässe, eng, mit ein paar Kurven im Pass, die kann man wirklich nur mit guter Sicht (hoher Sonnenstand, von hinten) und bei Slack water befahren, ansonsten traut man sich und seinem Schiff von Pass zu Pass mehr zu.

 

Tuamotus – Tahiti

Von Fakarava machen wir noch einen Abstecher in ein kleineres, nahezu unbewohntes Atoll – Toau.

Um durch den Pass hineinzufahren, haben wir jede Menge Zeit und warten bis wir bei Slackwater gemütlich durchfahren können. Die Karten zeigen nur noch „Unkartografiert!“ Und dann ist da nichts, blaues Wasser, weisser Sand, Palmen, Ruhe pur.

Wir wollen weiter nach Tahiti und dort möglichst noch mit Tageslicht ankommen. Also starten wir morgens mit dem ersten Licht, wissend, dass es nicht der ideale Zeitpunkt für den Pass ist. Stimmt. Wir kommen an und vor uns stehen zwei Meter hohe senkrechte Wellen. Wir haben eine Boreal. Die kann das. Also Augen zu und durch. Wir haben auch 100 PS. 98 davon brauchen wir. Es rumpelt für 10 Minuten ordentlich, dann sind wir durch und segeln mit wunderbarem Wind Richtung Tahiti. Ab Mittag sieht es schon anders aus, der grosse Gennaker muss helfen. Ab Nachmittag geht dann gar nichts mehr – wahrer Wind 1-2 Kn! Ankunft bei Tageslicht wird nichts. Also Motor an, allerdings muss Martin zaubern, um noch 150 l Diesel aus dem Nebentank in den Haupttank umzutanken, ein Ventil war dicht. Das letzte Mal getankt haben wir in Panamà! Es klappt und danach sind wir entspannt. Bis es mitten in der Nacht einen riesigen Rumms macht. Zum Glück haben wir Aluminium um uns herum. Es ist auch nix zu sehn, ausser, dass wir mindestens einen Knoten langsamer sind. Hhhmmm?? Gegenstrom?? Hatten wir schon oft. Gegen Mitternacht kommen wir in einer Bucht an, ankern und schlafen erstmal. Am nächsten Morgen taucht Martin. Wir haben nachts einen ganzen Baum mitgenommen, der sich vor dem Schwert verkeilt hatte! Kein Wunder, dass wir langsam waren. Ok, Baum weg, Anker hoch und Richtung Papeete Marina. Grosse Überraschung – sie haben Platz für uns. Und wir sind nach fünf Monaten mal wieder mitten in einer Stadt. Wie schön!

Wir machen sauber, räumen auf und unsere riesiggrosse „Garage“ aus, holen unser Ersatzteil für den Generator aus dem Zoll und Martin versucht sich an der Reparatur. Nix. Als nächstes haben wir einen Generatorexperten an Bord. Nix. Und es ist Freitag nachmittag vor Pfingsten.

Dafür treffen wir hier viele Bekannte – die vier jungen, verwegenen bretonischen docteurs, die mexikanische Familie, die schweizer-deutsch-US-polnische Crew von Itsara und unsere Münsteraner-chilenischen Freunde Jutta, Osvaldo, Theo und Antonia, die mit meinem Panamahut zuckersüss aussehen.

Fakarava 2

Fakarava South Pass! Das hat bei Tauchern einen grossen Namen. Und wir hören von anderen, dass es wirklich sehenswert ist. Wir segeln innerhalb des Atolls mit wunderbarem Wind und ohne Wellen dorthin. Schon unsere erste Ankerbucht im Süden, Harifi, ist traumhaft schön. Blau- und Türkistöne in der Lagune, weisse Brecher rollen von aussen heran, Palmenstrand, Fische cruisen unterm Boot….. Nach zwei Tagen dort geht es noch ein Stündchen weiter zum Pass. Hier wird das Ankern zur Herausforderung: Jede Menge kleinere und auch meterhohe „Bummies“ aus Korallen, die auf jeden Fall immer die Stärkeren sind. Also mit dem Boot dagegen zu rammen – keine gute Idee. Die Ankerkette drumzuwickeln – auch keine gute Idee. Aber es klappt. Und schon schauen die ersten Haie vorbei. Denn dafür ist der schmale, tiefe Pass bekannt: Hunderte Haifische liegen und schwimmen dort rum und lassen sich alle mit der kräftigen Strömung das Futter zwischen die Zähne spülen. Und mitten im Pass lassen wir uns bei Slack von unserem Begleitboot ins Wasser fallen und gehen schnorcheln…. Wow!

Am Nachmittag laufen wir durch das 30-Seelen-Dorf und fragen drei Fischer, ob wir einen Fisch, den sie gerade aus dem Wasser geholt haben, bekommen können. Sofort holen sie einen Grill ran, legen getrocknete Palmenbätter und Kokosnussschalen darauf. 15 Min später werden wir in ihr Haus zum Essen eingeladen. Wie schön!

Am nächsten Tag ist Mittwoch!!! Das Versorgungsschiff legt direkt vor dem kleinen Supermarkt an. Der ist rappelvoll, für zwei Stunden. Dann ist alles weg. und es bleiben wieder – Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch.

Wir leihen uns Fahrräder und radeln die -na klar, einzige Strasse – entlang. Am Ende liegt eine kleine Perlenfarm. Wir können uns genau anschauen wie ein Kern in die Auster gelegt wird und sie dann in 18 Monaten eine Perle drumherum bilden kann. Und was für eine  schöne Überraschung – unsere drei Fischer sind die Austern-Experten auf dieser Farm!

Fakarava gefällt uns sehr gut. Mit dem Dorf Rotoava im Norden, der wunderschönen Bucht im Süden und natürlich dem Südpass – das Klischee passt 100%. Paradies!

Und übrigens – 20.000 Seemeilen haben wir in Fakarava unterm Kiel.

Tuamotus – Fakarava

Am Nachmittag wollen wir zu den Tuamotus aufbrechen und die schönen Marquesas verlassen. Da paddelt „Mr. Stevens“ heran und lädt uns zu einem Dinner an seinem Strand ein. Uns und drei andere Paare. Seize the moment, denken wir und beschliessen unsere Abreise um ein paar Stunden zu verschieben. Mr. Stevens lebt in einer Grashütte am Strand, sammelt Kokusnüsse ein, fischt und schleppt manchmal ein paar Arme voll Holz vier Stunden lang durch den dichten Regenwald ins Dorf. Dafür bekommt er Reis oder Ähnliches. Die Segler in der Bucht geben ihm Wasser, wenn es nicht geregnet hat (und sie –anders als wir – einen funktionierenden Wassermacher haben). Er sieht aus wie ein am-Strand-lebender-Bilderbuch-Polynesier. Wow! Wir Frauen können gar nicht mehr wegschauen! Sein richtiger Name? Ein Geheimnis. Wir sitzen auf Palmwedeln im Sand und hören seine Botschaft, die wir durch die Welt tragen sollen: Love. Smile. Ask (bevor Du Dir etwas von seinem Strand nimmst). In einem Blatt serviert bekommen wir von ihm gesalzenes Wildschwein mit Kokusnussreis und irgendeinem köstlichen Gewürz. Ein Geheimnis. Und er bringt uns den Haka bei: „HUU HAA HUU HAARRR…“ Fotos kommen gar nicht in Frage. „All in your heart!“ Im Dunkeln stechen wir in See.

600 NM, vier Nächte, drei Tage und wieder um einen Köder und Angelschnur ärmer, kommen wir im ersten Licht vor dem Nordpass zum Atoll Fakarava an. Das Wasser brodelt wild, stehende Wellen, da fahren wir so nicht durch. Abdrehen und zwei Stunden treiben lassen bis „Slackwater“ ist, also keine Flut mehr und noch kein Ebb-Strom. Dann kommen wir ruhig durch den Pass – und rein ins Atoll. Diese Kringel liegen hier einfach mitten im Pazifik. Das ist unfassbar. Innen die ruhige Lagune, draussen der weite Pazifik. Die Lagune ist echt groß, ca. 50 km lang und 20 km breit. Aber der schmale Ring aus Vulkangestein ist gerade mal drei Meter hoch und vielleicht 300 m breit. Wie lange das noch gut geht?

Fakarava ist das zweitgrösste Atoll in den Tuamotus, ca. 800 Menschen leben hier, die Hälfte im Dorf Rotoava. Einmal in der Woche kommt das Versorgungsschiff aus Tahiti – mittwochs. Wir kommen Donnerstag an, da gibt es an Frischem noch Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch. Das war’s. Und natürlich täglich frisches Baguette, Croissants und ein himmlisches Cafè am Strand mit Galettes. Vive la France! Und alles sieht aus wie Fototapete – grandios! Hoffen wir, dass wir eine Lösung gegen den Anstieg der Meere finden und diese wunderschöne Welt noch erhalten bleibt. Wir wollen weiter zum Südpass von Fakarava – unsere beiden anderen Borealfreunde kommen uns entgegen. Keine Frage, wir drehen um!